Meldungen Nr. 881-890
vom 15.-25.4.2004
Aktuelle Meldungen / Archiv


Bradfields 18. Komet nach großer SOHO-Show blaß am Morgenhimmel

Ein Komet sorgt für Aufregung: Erst entdeckt ihn ein Australier, dann verliert er ihn wieder, bis er ihn Wochen später erneut erspäht, nur Tage später saust C/2004 F4 (Bradfield) dicht an der Sonne vorbei (Periheldistanz: 0.17 AU oder 25 Mio. km) und bietet eine spektakuläre Show für den Sonnensatelliten SOHO (Bild) - und wieder eine Woche später steht der Komet bereits tief am Morgenhimmel, wo er leider schon wieder auf +4. Größe abgesunken ist, allerdings unter guten Bedingungen noch einen größeren Staubschweif zeigt. Zuerst gefunden hatte William A. Bradfield (Yankalilla, South Australia) seinen 18. Kometen bereits am 23. und 24. März, als er bei einer Suche nach sonnennahen Kometen mit einem 25-cm-Reflektor auf das Objekt +8. Größe gestoßen war.

Sämtliche Kometen, die der australische Amateur seit 1972 entdeckte (der letzte Fund lag schon 9 Jahre zurück) tragen allein seinen Namen. Diesmal verlor Bradfield den Kometen zunächst aus den Augen und sichtete ihn erst wieder am 8. April, was am 9. auch zwei andere Australier bestätigen konnten. Die ersten Aufnahmen gelangen aber erst am 11. und 12. April T. Lovejoy in Queensland; die Helligkeit war inzwischen auf +3.3m angestiegen, und der Komet hatte bereits einen ½ Grad langen Schweif. Am 18. April zog Bradfield dann durch das Gesichtsfeld des SOHO-Koronographen LASCO 3 und erreichte für einige Stunden -3m, und schon am 22. April fand ihn der Österreicher Michael Jäger in der Morgendämmerung wieder, wo er nun rasch schwächer wird. Eigentlich hätte man C/2004 F4 schon Monate früher entdecken müssen: Vielleicht erlebte er einen Helligkeitsausbruch? [25.4.2004]

[890] Links: die Bahn plus Ephemeride, ein Bild vom Morgen des 22.4. von Jäger, Aufsuchkarten aktueller Kometen, die Nachrichten der FG Kometen, eine Montage von SOHO-Bildern - und Artikel 610 zum letzten schönen Kometen im SOHO-Gesichtsfeld Anfang 2003.


Gravity Probe B: NASAs seltsamster Satellit nach 45 Jahren gestartet

Die Planung begann 1959, nur zwei Jahre nach dem Start des ersten Satelliten, ob die Wissenschaft überhaupt noch einen Sinn macht, ist ziemlich umstritten, aber am 20. April 2004 ist er tatsächlich im Erdorbit angekommen: der vielleicht ungewöhnlichste Satellit der Raumfahrtgeschichte, der zwei Voraussagen der Allgemeinen Relativitätstheorie überprüfen soll. 700 Mio.$ hat die »Gravity Probe B« über die Jahre gekostet, etwa siebenmal war das Projekt bereits abgebrochen und doch immer wieder weitergeführt worden (vgl.
Artikel 712), und zwei der drei Initiatoren sind schon verstorben - aber jetzt läuft die Mission, die innerhalb eines Jahres ein verläufiges und ein Jahr später ein endgültiges Resultat liefern soll. Vieles an der GP-B fällt aus dem Rahmen:

  • Das Meßprinzip ist geradezu simpel (man beobachtet vier isolierte Kreisel in einer Erdumlaufbahn und wie ihre Rotationsachen durch die relativistischen Effekte ein wenig gekippt werden), die Umsetzung hingegen atemberaubend kompliziert - bis hin zu genauester Astrometrie eines Peilsterns durch Radio-VLBI über ein ganzes Jahrzehnt hinweg.

  • Mindestens neun neue, komplexe Technologien mußten für den Satelliten entwickelt werden, und sie haben zum Teil bereits Anwendungen für andere Missionen gefunden - insofern ist die extrem lange Entwicklungszeit (die ersten NASA-Gelder flossen 1964, formell begann das Projekt 1984, und volle Fahrt nahm es 1993 auf) sicher nicht vertan worden.

  • Doch in den 45 Jahren seit der Idee, die ART im Erdorbit zu testen, sind viele andere Methoden entwickelt und ausprobiert worden, die die gesuchten Effekte schon fast so gut oder zumindest indirekt nachweisen konnten: Wenn die GP-B die ART-Formeln bestätigt, womit allgemein gerechnet wird, wird sich die Sensation in Grenzen halten. Aber wenn nicht ...
Der Kern des Experiments sind vier Kreisel mit 3.8 cm Durchmesser, die tief im Satelliten sitzen und mit ihm gemeinsam um die Erde rasen - und von der Außenwelt bis auf die Schwerkraft so weit isoliert sind, wie es nur eben möglich ist. Sie rotieren sehr stabil mit rund 150 U/s oder 9000 U/m, und wenn nur die Newton'sche Physik gelten würde, behielten sie ihre Rotationsachsen auch exakt bei. Doch zwei ART-Effekte der Raumkrümmung durch die Erde, der geodätische Effekt (den auch schon andere Experimente sahen) und der viel kleinere Lense-Thirring-Effekt alias Frame-dragging (der nach wie vor direkt noch nie gemessen wurde) ziehen an den Achsen der Kreisel (es sind lediglich aus Redundanzgründen vier): Der erste Effekt sollte sie um 6.6 Bogensekunden in der Bahnebene, der andere um 40.9 Millibogensekunden senkrecht dazu kippen.

Die Herausforderung bestand darin, erstens sehr präzise Kreisel herzustellen, sie zweitens komplett von der Außenwelt zu isolieren und drittens trotzdem die Orientierung ihrer Rotationsachsen ganz präzise zu messen. Für diese Messung entscheidend ist ein 14-cm-Cassegrain-Teleskop, das mit dem Versuchsaufbau extrem fest verbunden ist und die ganze Mission lang auf einen einzigen Stern starren wird: IM Pegasi alias HR 8703. Er ist einer von überhaupt nur drei geeigneten Kandidaten, denn der Referenzstern muß einerseits hell genug sein, damit das kleine Teleskop die Mitte seines Beugungsbildes mit Mikrosekundenpräzision anpeilen kann - und er muß eine starke Radioquelle sein. Denn jeder Stern der Milchstraße hat eine wie auch immer geartete Eigenbewegung, und es ist zwingend erforderlich, seine Position laufend relativ zu einem fernen Quasar zu vermessen. Und enge Paare von radiolauten Sternen und Quasaren sind ausgesprochen selten.

Die Mission hat drei Phasen, seit eine Delta II den 3.1-Tonnen-Satelliten planmäßig auf einer 641 x 645 km hohen Bahn mit 90.01° Neigung abgeliefert hat. Derzeit läuft ein etwa 45 Tage langer Initial Orbit Checkout des 6.4 m langen Satelliten, der um das eigentliche Experiment herum gebaut wurde und v.a. aus einem mit 2.7 Metern Höhe gigantischen Dewar mit 2441 Litern supraflüssigem Helium auf 1.8 Kelvin Temperatur besteht. Ungefähr 22 Tage nach dem Start sollen die Gyros durch vorbeiströmendes ultrareines Helium auf Touren gebracht und ab Tag 38 auf den Stern ausgerichtet werden. Es folgen 13 bis 15 Monate lange Messungen ihrer minimalen Drift (durch berührungslose Messung ihres magnetischen Moments), so lange das Helium die Anlage kühl hält, und danach noch eine umfangreiche Nachkalibration. Und dann werden wir (besser) wissen, ob Einstein in jedem Punkt richtig lag oder die ART vielleicht ergänzt werden muß. [25.4.2004]

[889] Links: die Homepage (mit lesenswerten umfangreichen PDF-Artikeln - die vielen faszinierenden technischen Details konnten hier nicht einmal alle angerissen werden!), NASA, Stanford, LockMart und Boeing Press Releases, der Status am 23. April und Artikel von Sky & Tel., Spaceflight Now, BBC und NetZeitung zum Start - und lange Vorberichte von Science News 2003 und Science@NASA 2004 und 2000. Zusätzliche Quelle: Science vom 16.4.2004 S. 385.


Microlensing + Transitmethode erfolgreich: drei Jupiters bei fremden Sternen mit ungewöhnlicher Technik nachgewiesen

Bis auf einen einzigen Fall sind die gut 120 Planeten fremder Sonnen, die heute als besonders gut gesichert gelten, mit der schon klassisch zu nennenden Radialgeschwindigkeitsmethode entdeckt worden: Beobachtet wird spektroskopisch, wie sich der Stern unter dem Schwerkrafteinfluß seines Planeten entlang der Sichtlinie leicht vor und zurück bewegt. Die Ausnahme war die Entdeckung des Planeten OGLE-TR-56b mit der Transitmethode, die dann per Radialgeschwindigkeit bestätigt werden konnte (siehe
Artikel 588). Jetzt gibt es gleich drei neue Erfolgsmeldungen: zwei aus demselben Transit-Programm und eine mit Hilfe von Microlensing. Auf der letzteren Technik basierten im Jahre 1999 schon zweimal vermeintliche Entdeckungen von Exoplaneten, doch stets waren Zweifel geblieben: Das Signal war entweder sehr klein oder die Interpretation nicht eindeutig.

In einem der Fälle, bei dem der linsende Planet nur wenige Erdmassen zu haben schien, hieß es zuletzt immerhin, eine Erklärung der Messungen ohne Planet sei zu 99% auszuschließen (siehe Artikel 496) - zu gut, um es zu ignorieren, aber doch nur von bescheidener Signifikanz. Diesmal jedoch sehen die Daten wesentlich überzeugender aus, und der Fund wird wohl zu Recht als erste klare Exoplanetenentdeckung per Microlensing gefeiert. Die Methode ist eigentlich ein Abfallprodukt der Suche nach potenziellen dunklen kompakten Objekten in der Milchstraße, die teilweise für deren Dunkle Materie aufkommen könnten: Ein sternreicher Hintergrund wird wieder und wieder aufgenommen und auf temporäre Helligkeitsanstiege einzelner Sterne mit einer charakteristischen Lichtkurve geachtet. Dazu kommt es, wenn eine andere Masse nahe der Sichtlinie vorbeizieht und durch eine zeitweilige Gravitationslinsenwirkung den Hintergrundstern heller erscheinen läßt.

Handelt es sich bei dem linsenden Objekt nun um einen Stern mit einem Planeten, so treten in der Lichtkurve des Linsenereignisses zusätzliche Helligkeitsspitzen auf - und bei einem solchen Fall im Juli 2003 war das in einem Maße der Fall wie nie zuvor. Überdies wurde die Lichtkurve unabhängig von zwei Arbeitsgruppen beobachtet, was dem Ereignis die unpraktische Nummer OGLE 2003-BLG-235/MOA 2003-BLG-53 verschafft hat. Vom 14. bis 21. Juli 2003 wich die Lichtkurve des Linsenereignisses massiv von der üblichen Form mit sanftem Anstieg und Abfall ab, die eine Einzelmasse produziert und die man schon bei fast 2000 anderen derartigen Ereignissen sah. Es handelt sich dem Verlauf nach eindeutig um das, was Gravitationslinsenforscher eine kaustische Traverse nennen: Der Begleiter des Sterns zog in solch einem Abstand an der Sichtlinie zum Hintergrundstern vorbei, daß die Lichtverstärkung zweimal besonders heftig ausfiel.

Nach dem besten Modell für das Ereignis hat der linsende Stern einen Begleiter mit 0.32 bis 0.50 % seiner Masse in 2 bis (wahrscheinlicher) 3 AU Abstand. Wenn der Stern auf der Hauptreihe des HRD sitzt, müßte er ein M-Zwerg sein und der Planet damit etwa 1.5 Jupitermassen haben. Modelle ohne Planet können immer nur Teile der Lichtkurve fitten, aber niemals die ganze. In vielleicht zehn Jahren sollte es möglich sein, mit modernsten Teleskopen den linsenden Stern dicht neben dem gelinsten zu sichten: Dann wird man seine Masse - und damit die des Planeten - genauer eingrenzen können. Die Microlensing-Technik hat viele Nachteile: Insbesondere sind die Beobachtungen unwiederholbar, weil der Stern mit seinem Planeten in absehbarer Zeit kaum ein zweites Mal vor einem anderen Stern her ziehen wird. Aber die Methode funktioniert quer durch die Galaxis und ist im Prinzip empfindlich genug, um bei günstigen geometrischen Bedingungen sogar eine fremde Erde nachzuweisen!

Zwei neue »sehr heiße Jupiters« mit der Transitmethode entdeckt hat ebenfalls das OGLE-Team, das die Lichtkurven seiner unzähligen überwachten Sterne auch auf die charakteristischen Lichtkurven von Planeten hin untersucht, die vor den Scheiben ihrer Sterne her ziehen. Nach OGLE-TR-56b sind nun unter den 137 Kandidaten (aus 155'000 Lichtkurven) auch die OGLE-Transitevents TR-113 und TR-132 dank Radialgeschwindigkeitsmessungen mit dem VLT eindeutig auf Planeten zurückgeführt worden. Bei OGLE-TR-113 (hier sind die Messungen besonders gut) läuft demnach ein Planet mit 1.35±0.22 Jupitermassen alle 1.43 Tage um seine Sonne, bei OGLE-TR-132 (mit wesentlich schlechteren Daten) ein 1.01±0.31-Jupitermassenplanet alle 1.69 Tage. Solche »very hot Jupiters« scheinen also recht zahlreich zu sein- und die Sterne, die sie umkreisen, gehören zu ganz verschiedenen Spektralklassen von F bis K. [25.4.2004]

[888] Links: ein Paper von Bond & al. und ein NASA Press Release zum Microlensing-Erfolg und ein Paper von Bouchy & al. zu den neuen Transitplaneten sowie Artikel von Sky & Tel., Aerosp. Daily, Space.com und BdW.

Neues System zur Transit-Jagd nimmt die Arbeit auf, SuperWASP auf La Palma: Homepage, PPARC Press Release, BBC.


Die Südpolkappe des Mars: was der Mars Express wirklich fand

»Observatoire pour la Minéralogie, l'Eau, les Glaces et l'Activité« oder einfacher OMEGA heißt das Instrument auf dem europäischen Marsorbiter Mars Express, das am 23. Januar für reichlich Schlagzeilen sorgen sollte: Von der »Entdeckung« von Wassereis am Südpol des Mars mit Hilfe seiner Reflexionsspektroskopie im nahen Infraroten war allerorten nach einer ESA-PK die Rede (siehe
Artikel 827). Aber was ist eine Entdeckung? Daß der Marsboden voll von Wassereis ist, wissen wir spätestens dank der globalen Karten von Mars Odyssey (siehe Artikel 500), und daß nicht nur die nördliche sondern auch die südliche Marspolkappe zu großen Teilen aus Wassereis besteht, war auch schon herausgefunden worden.

Was OMEGA vielmehr geleistet hat, steht nun in der ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung zu lesen: »die erste direkte Identifikation und Kartierung von sowohl Kohlendioxid wie Wassereis in den hohen Südbreiten des Mars.« Und weil dies dem Spektrometer (352 Kanäle von 350 nm bis 5.1 µm) mit 2 km Ortsauflösung gelang, läßt sich die räumliche Verteilung des Eises relativ zum - im sichtbaren Licht sehr hellen - CO2 genau beschreiben. Zum Zeitpunkt der Beobachtungen vom 18.1. bis 11.2. herrschte auf dem Mars Südhochsommer, so daß die Polkappe besonders stark zurückgegangen war, und OMEGA konnte Wassereis in drei Zonen finden: dem Kohlendioxid in den hellen Regionen zu etwa 15 Gewichtsprozent beigemischt, im Zusammenhang mit CO2-freiem Staub am Rande der hellen Kappe und auch in Zonen dutzende km von der Polkappe entfernt.

Wo immer auf dem Mars CO2-Eis stabil ist, fängt es Wassereis ein - und letzteres bleibt zurück, größtenteils mit Staub vermischt, wenn das CO2 sublimiert ist: Die ganzjährige Südpolkappe ist daher viel ausgedehnter als das helle CO2-Eis-reiche Gebiet. Und die CO2-Schicht ist nur wenige Meter tief, alles andere ist Wassereis: Auch in dieser Beziehung bestätigen die OMEGA-Spektren frühere Analysen der letzten Jahre. Über das viele Wassereis, das nun mit direkt auf der Oberfläche kartiert werden kann, mögen sich die Marsfans freuen - doch wer gerne über einen früher einmal lebensfreundlicheren Planeten spekuliert, hat eher Grund zur Trauer. Denn die Südpolkappe galt einst als enorme Senke für CO2, das früher einmal via Treibhauseffekt für mehr Wärme, flüssiges Wasser etc. gesorgt haben könnte, doch damit ist es dank OMEGA endgültig vorbei: Die (erkennbaren) Vorräte an CO2 sind weit geringer! [25.4.2004]

[887] Quellen: Bibring & al., Nature 428 [8.4.2004] 627-30 + Titus, ibid. 610-11. Links: ein ESA Press Release und Artikel von BBC und AFP.


Spektren zeigen Kometensturz in Jungstern!

Rasante Veränderungen im Spektrum des erst 100'000 Jahre alten Sterns LkHalpha 234 zeugen offensichtlich vom Untergang eines Kometen in seiner unmittelbaren Umgebung: Schlagartig traten im November 2003 Absorptionslinien von neutralen Natrium in seinem Spektrum auf, ohne daß sich andere Linien in gleicher Weise veränderten. Die Interpretation: In der Umgebung des 6-Sonnenmassen-Sterns können sich bereits um die 100 km große feste Materieklumpen bilden, die man auch als Kometenkerne ansprechen könnte - und die Spektren dokumentierten, wie solch ein Komet in den Stern stürzte und dabei sein Natrium in 0.1 AU Sternabstand freisetzte. Bei Beta Pictoris beobachtet man schon seit den 1980-er Jahren, wie Kometen in den Stern stürzen, doch die spektralen Veränderungen dabei sind lange nicht so dramatisch wie hier. [25.4.2004]

[886] Link: Penn State University Press Release, Astronomy, BBC.


Hubble findet keinen »Sedna«-Mond - warum rotiert sie dann so langsam?

Der exotische Asteroid jenseits des Kuipergürtels mit der Nummer 2003 VB12 und dem vorgeschlagenen Namen Sedna aus den Artikeln 869 und 871 gibt jetzt noch ein Rätsel auf: Der Himmelskörper rotiert offensichtlich extrem langsam, was eigentlich nur durch einen massereichen Mond zu erklären wäre - aber das Hubble Space Telescope hat trotz energischer Suche keinen finden können. Und auch die direkte Messung von Sednas Durchmessers gelang nicht: Das Objekt ist damit höchstens 1600 km groß und hat eine Albedo von 15% im roten Licht (wenn der Durchmesser 1600 km beträgt) oder sogar noch mehr.

Der starke Verdacht auf einen Mond basiert auf Photometrie der letzten November entdeckten Sedna mit einem Teleskop in Chile: Ihre Helligkeit schwankte dabei im Laufe mehrerer Monate um etwa 5%, jedoch sehr langsam. Eine wirklich eindeutige Periode ist in den bisherigen Daten zwar nicht auszumachen, aber sie dürfte zwischen 20 und 40 Tagen liegen - was sehr ungewöhnlich ist, denn andere Asteroiden pflegen in einem Tag oder weniger zu rotieren. Die naheliegende (und einzige!) Erklärung ist ein nicht zu kleiner Mond, der den Himmelskörper in gebundene Rotation zwingt: Beide zeigen einander jeweils dieselbe Seite, und die Rotation des Hauptkörpers entspricht der Umlaufperiode des Mondes. Bei Pluto & Charon ist das z.B. der Fall und führt zu der 6-tägigen Rotationsperiode Plutos.

Im Fall von Sedna wurde daher ein Mond mit mindestens 1/15 ihrer Masse bzw. 2/5 ihres Durchmessers erwartet, was bei identischer Albedo einem Sechstel der Helligkeit entspräche. Für die Beobachtungen war das HST eigens anhand eines Sterns besonders präzise fokussiert worden, und man hatte einen Blaufilter benutzt, wo die Abbildung wellenlängenbedingt besonders scharf ist - aber es war die nicht geringste Spur eines Mondes zu entdecken. Das war für die Beobachter um den Sedna-Entdecker Michael Brown derart verblüffend, daß er die NASA abermal zu einer Telefonkonferenz mit Weltraumreportern einladen ließ - wann gibt es schon mal eine Veranstaltung zu einer nicht gemachten (aber fest erwarteten) Entdeckung?

»Wir waren so überzeugt,« daß da ein großer Mond sein mußte, erzählt Brown, weil es sonst einfach keine Erklärung für solch eine langsame Rotation gibt. Denn jeder Bewohner des Sonnensystems hat einen Drehimpuls mitbekommen, und flüchtige Begegnungen mit anderen Himmelskörpern lassen einen planetaren Körper in der Regel noch schneller rotieren als vorher. Das gilt auch für jenen Prozeß, der Sedna offenbar auf ihre merkwürdige Bahn brachte (erst wurde sie von einem großen Planeten in Richtung Oort-Wolke gekickt, dann von einem nahen Stern aufgehalten). Deswegen sind Brown und Co. auch jetzt noch so gut wie überzeugt, daß da ein Mond sein muß - doch um dem HST zu entgehen, müßte er kleiner als 1/10 von Sednas Durchmesser gewesen sein. Drei Auswege sind Brown bisher eingefallen: Die Nichtdetektion eines großen Mondes könnte man erklären,

  • wenn der Mond bei sämtlichen 35 HST-Aufnahmen zufälligerweise ganz dicht neben oder vor oder hinter Sedna stand (wofür die Wahrscheinlichkeit aber nur bei nur etwa 1:100 liegt),

  • wenn der Mond eine wesentlich geringere Albedo als Sedna selbst hat (was im äußeren Sonnensystem ja um so häufiger vorzukommen scheint, je kleiner ein Körper ist), oder

  • wenn der Mond zwar einst existierte, später aber (bei einer Begegnung mit anderen Himmelskörpern) verloren ging oder bei einem Impakt zerstört wurde (auch sehr unwahrscheinlich).
Eine vierte noch nicht völlig auszuschließende Erklärung wäre allerdings, daß die langsamen Helligkeitsschwankungen lediglich eine Täuschung sind. Sollte Sedna dreisterweise nur ein wenig langsamer oder schneller rotieren als der allnächtliche Rhythmus der Helligkeitsmessungen, d.h. etwas schneller oder langsamer als 24 Stunden, dann würde eine viel langsamere Rotation vorgetäuscht: Der Körper wäre ja von Messung zu Messung genau einmal plus ein wenig mehr oder weniger weiter rotiert. Neue photometrische Reihen in etwa einem halben Jahr, wenn Sedna wieder gut sichtbar ist, sollen die letztere Erklärung ausschließen helfen - vorerst »glauben wir immer noch stark, daß es einen Satelliten gibt oder gab,« betonen die Sedna-Forscher.

Weitere HST-Beobachtungen sind bereits in Vorbereitung, diesmal im roten Licht, wo die Bilder zwar nicht so scharf sind, was aber der starken Rotfärbung Sednas (und mutmaßlich auch des hypothetischen Mondes) entgegenkommt. Auch sollen mit den Gemini- und Keck-Teleskopen Infrarotspektren aufgenommen werden, um der chemischen Zusammensetzung der eisigen Oberfläche Sednas nachzuspüren - und es wird bereits eine große weltweite Sedna Watch angeregt, an der sich jeder (mit einem Großteleskop) beteiligen möge. Und wann werden wir endlich Sednas Durchmesser kennen? Das wissen auch Brown & al. nicht, denn das Spitzer Space Telescope, das Sedna nicht detektierte, war die beste Hoffnung gewesen. Spätestens das Radiointerferometer ALMA sollte Sednas langwellige Emission aber sehen können - in vielleicht einem Jahrzehnt ... [15.4.2004]

[885] Quelle: NASA-Telecon am 14.4.2004. Links: Sednas upgedatete Homepage, Infos zu den diversen Beobachtungen, ein HST Press Release, Science@NASA und Artikel von Sky & Tel., Astronomy, BBC, Space Today und NetZeitung.


Marsfelsen »Bounce« enger Verwandter eines Marsmeteoriten

Vor 25 Jahren wurde er in der Antarktis gefunden und erst Jahre später als ein Meteorit vom Mars identifiziert - und nun hat sich herausgestellt, daß der Felsen »Bounce« in Meridiani Planum, den der Marsrover Opportunity direkt außerhalb des Kraters Eagle gefunden hat, ein sehr enger Verwandter von EETA 79001B ist. Bounce ist einer der ganz wenigen Steine, die in Meridiani Planum herumliegen, vermutlich kam er durch einem Impakt hierher - und seinen Namen verdankt er der Tatsache, daß Opportunity ihn berührte, als der Rover noch in seinen Airbags über die Oberfläche hüpfte. Vielleicht war dieser Kontakt sogar entscheidend gewesen, um den Rover in den Aufschluß-reichen Eagle-Krater zu lenken. Das »B« in der Nummer des Marsmeteoriten bedeutet wiederum, daß nur eine seiner beiden chemisch sehr verschiedenen Komponenten gemeint ist; EETA 79001 ist der einzige zusammengesetzte Marsmeteorit, den man kennt.

Die drei analytischen Instrumente Opportunitys haben sich eingehend mit der Mineralogie und Chemie von Bounce beschäftigt - und dabei demonstriert, wie ideal sie einander ergänzen. Das Mössbauer-Spektrometer fand heraus, daß der Stein imWesentlichen nur aus einem Mineral, Pyroxen, besteht, keinen Hämatit etc. enthält und überhaupt nicht oxidiert ist: Das beweist bereits, daß er ursprünglich nicht aus Meridiani Planum stammt. Eine Ähnlichkeit besteht hingegen zu dem 1865 in Indien gefallenen Marsmeteoriten von Shergotty. Diese bestätigt auch das APXS, doch die Übereinstimmung mit EETA 79001 ist noch deutlich größer: Das andere Mainzer Experiment mißt den Gehalt von Steinen an 16 verschiedenen Elementen und erhält so einen ziemlich eindeutigen »Fingerabdruck«, der mit tausenden katalogisierten Steinen und Böden von Erde und Mars verglichen werden kann.

Auch mit dem Antarktismeteoriten ist die Übereinstimmung indes nicht perfekt, sagt wiederum das IR-Spektrometer Mini-TES: Danach besteht Bounce zu 69% aus Pyroxen, zu 20% aus Plagioklas und zu 11% aus Olivin. Das unterscheidet sich stark von allen IR-Signaturen, die das Schwesterinstrument TES auf dem Mars Global Surveyor aus dem Orbit sah und entspricht eher dem basaltischen Gestein wie es in Spirits Gusev-Krater zuhauf herumliegt. Da die Übereinstimmung der Zusammensetzung mit EETA 79001 nicht perfekt ist, dürften Bounce und der Meteorit wohl nicht beim selben Impakt produziert worden sein, könnten aber aus einer ähnlichen Region stammen. Die nächste Aufgabe wartet schon auf Opportunity: In der Nähe des hergeflogenen Bounce hat der Rover jetzt ein weiteres Mal Grundgestein gefunden, das nun mit dem Aufschluß im Eagle-Krater verglichen werden soll.

Die Ausbeute der Gesamtmission der beiden Mars Exploration Rover kann sich - nach zusammen 180 Tagen auf der Marsoberfläche - sehen lassen: 24'000 Bilder haben sie schon geschickt, darunter 18'000 der Pancams. Und beide haben in den letzten Tagen neue Software erhalten (und danach ihre Bordrechner problemlos wieder hochgefahren): Sie erlaubt ihnen größere Autonomie bei langen Fahrstrecken mit automatischem Umfahren von Hindernissen ohne Rücksprache mit der Erde, bietet automatische Fehlerbehebung, falls noch einmal ein Speicher zu stark beansprucht werden sollte (wie bei Spirit im Januar) und kann die Rover nachts in einen besonders tiefen Schlaf versetzen. Dieser Modus wird allerdings vorerst nur bei Opportunity Anwendung finden, um seine gestörte Robotarm-Heizung auszutricksen, die sich nicht regulär abschalten läßt. [15.4.2004]

[884] Quelle: JPL-Pressekonferenz am 14.4.2004. Links: ein JPL Press Release, Details der neuen Software, ein Artikel zu Bounce von Fla. Today, BBC zu 100 Tagen Spirit auf dem Mars und AP, Space Today und Space.com zum Software-Upgrade.


Maximale Sternentstehungsrate erst vor 5 Mrd. Jahren

Die komplette Sternentstehungsgeschichte des Universums ist anhand der Spektren von 96'545 nahen Galaxien aus der Sloan Digital Sky Survey rekonstruiert worden: Das gemeinsame Licht der Sterne jeder Galaxis gibt Auskunft über die Sternpopulationen und ist gewissermaßen ein »Fossil« der Sternbildungsrate (star formation rate, SFR) in der Vergangenheit. Bisher hatte man sich stets auf junge Sterne in unterschiedlich fernen = alten Galaxien konzentriert und geschlossen, daß die SFR vor 8 Mrd. Jahren ihr Maximum erreichte und seither auf 1/10 des Wertes abgesunken ist. Die »Fossilien«-Technik sagt dagegen, daß die maximale SFR erst vor 5 Mrd. Jahren erreicht wurde - und daß die massereicheren Galaxien ihr SFR-Maximum früher als masseärmere Galaxien erreichten. Letztere fielen bislang unter den Tisch: daher der falsch platzierte Gesamt-SFR-Peak. Die generelle Schlußfolgerung freilich bleibt: Seit Jahrmilliarden geht es mit dem Universum stetig bergab ... [15.4.2004]

[883] Links: ein Paper von Heavens & al. und Artikel von Sky & Tel., Scripps Howard, Space.com und NetZeitung.


Jede Menge Titan-Forschung vor Cassinis Ankunft

versucht, den wolkenverhüllten Saturnmond schon vor dem Beginn seiner intensivsten Entschleierung durch den Orbiter (im Saturnorbit am 1. Juli; erster Titan-Vorbeiflug 26. Oktober) und den Lander Huygens (Ankunft im Januar 2005) ein wenig zu entschleiern:


Der Yarkovsky-Effekt läßt Asteroiden zu NEAs werden

Der erst kürzlich direkt an einem Asteroiden gemessene Yarkovsky-Effekt (siehe
Artikel 791 Kurzmeldung) sorgt auch dafür, daß desöfteren Asteroiden aus dem Hauptgürtel in die Nähe der Erde wandern können, wo sie dann zu potenziell gefährlichen Near Earth Asteroids werden - und die überwiegend retrograde Rotation dieser NEAs stellt einen schlagenden Beweis dafür dar. Der fundamentale Transportmechanismus Gürtel - Erde ist schon länger bekannt: Wenn ein Asteroid in eine bestimmte Resonanzzone des Gürtels gerät, kann eine Bahnexzentrizität v.a. durch die Schwerkraft Jupiters stark ansteigen. Doch wie kommt der Asteroid erst einmal aus seiner friedlichen Normalbahn in eine dieser instabilen Zonen des Asteroidengürtels?

Wieder einmal ist der Yarkovsky-Effekt Schuld, der kleinere Körper des Sonnensystems angreift: Ein rotierender Körper gibt die von der Sonne empfangene Wärme in einer etwas anderen Raumrichtung wieder ab - und der Strahlungsdruck verändert ein wenig seine Bahn. Daß dieser Effekt maßgeblich dafür verantwortlich ist, daß Asteroiden in die Resonanzzonen driften, wird schon seit einigen Jahren vermutet, aber erst jetzt war ein entscheidender Test möglich. Denn wenn Kollisionen der Asteroiden untereinander der wesentliche Injektionsprozeß in die Zonen wären (das war eine denkbare Alternative), müßten die Rotationsachsen der NEAs ebenso ungefähr gleichmäßig wie im Hauptgürtel verteilt sein, dominiert dagegen Yarkovsky, sollten die meisten NEOs retrograd (»falsch herum«) rotieren. Und genau das ist der Fall.

Von 21 NEAs, die (bis auf zwei) kleiner als 10 km sind und daher von Yarkovsky stark betroffen sein könnten, rotieren nämlich 14 retrograd: Es gibt keinen erkennbaren Grund, warum ein NEA von sich aus bevorzugt falsch herum rotieren würde. Doch retrograd rotierende Asteroiden werden vom Yarkovsky-Effekt bevorzugt in die resonanten Zones des Hauptgürtels geschoben, insbesondere die nu-6-Resonanz am Innenrand des Gürtels, die logischerweise nur von Asteroiden erreicht werden kann, die Richtung Sonne driften. Alle anderen relevanten Resonanzen können von beiden Seiten aus erreicht werden. Daß es doppelt so viele retrograd wie prograd rotierende NEAs gibt, entspricht dabei sogar genau den mathematischen Erwartungen: Damit ist der Yarkovsky-Effekt als wesentlicher Initiator der NEA-Produktion überführt. [15.4.2004]

[881] Quelle: La Spina & al., Nature 428 [25.3.2004] 400-1. Link: ein Artikel von BdW.

Auch auf der Südhemisphäre wird wieder nach NEOs gesucht, seit dem 29. März erfolgreich, wobei die Kosten aber von der NASA getragen werden - Australien selbst ist das Programm wenig wert: U of A Press Release.


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